DGB-Kundgebung gegen die Notstandsgesetze in der Dortmunder Westfalenhalle, 11. Mai 1968 ©AdsD/6/FOTA138107; Rechteinh. nicht auffindbar, s. Impressum
Abbildung eines Transparents gegen die Notstandsgesetze
1967-1974
West: Gesellschaftlicher und politischer Aufbruch

Streik im Öffentlichen Dienst 1974

Kampf gegen die Lohnleitlinien der Regierung

Im November 1973 fordern die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) 15 Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens 185 DM und ein Urlaubsgeld von 300 DM, die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) 14 Prozent und ein Urlaubsgeld von 400 DM. Die Verhandlungen mit den Arbeitgebern gestalten sich schwierig.

Für die Gewerkschaften geht es darum, einen Ausgleich für die Preissteigerungen zu erreichen und den Öffentlichen Dienst an der Einkommensentwicklung in der Privatwirtschaft teilnehmen zu lassen. Nicht minder wichtig ist ihnen, die Orientierungsdaten zur Lohnentwicklung, die die Regierung veröffentlicht und die Bundeskanzler Willy Brandt bekräftigt hat, zurückzuweisen, da sie nach Ansicht der Gewerkschaften einen Eingriff in die Tarifautonomie bedeuten. Die Arbeitgeber betonen hingegen – nicht zuletzt wegen der Ölpreis-Krise – die Anzeichen einer konjunkturellen Abschwächung: Für sie ist Sparen angesagt.

Die Arbeitgeber bieten schließlich im Januar 1974 eine Einkommenserhöhung von 9,5 Prozent und einen Mindestbetrag von 130 DM an. Die Gewerkschaften rufen daraufhin zum Streik auf. Mehr als 200.000 Arbeitnehmer treten am 10. Februar 1974 in den Ausstand: Busse und Bahnen bleiben in den Depots, viele Ämter schließen, und der Müll wird nicht abgeholt. Nach drei Tagen Streik folgt am 13. Februar 1974 die Einigung: Die Tarifparteien vereinbaren eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 11 Prozent, mindestens jedoch 170 DM.

Hat ÖTV-Chef Heinz Kluncker mit diesem Streik wirklich direkt zum Rücktritt Willy Brandts vom Amt des Bundeskanzlers beigetragen? In der Tat hat sich Brandt zu Beginn des Tarifkonflikts festgelegt: Er weist eine zweistellige Einkommenserhöhung ausdrücklich zurück. Daher wird der Erfolg der Gewerkschaften von vielen als eine Niederlage des Bundeskanzlers gewertet. Dennoch: Der Erfolg der ÖTV ist gewiss nicht ausschlaggebend, aber er trägt wohl doch zu Brandts Amtsmüdigkeit bei, die schließlich im Mai 1974 zu seinem Rücktritt führt.

Seiten dieses Artikels:

1967 - 1974

Die Zeit ist reif für Reformen
Moderate Lohnabschlüsse
Der Einfluss in den Betrieben wächst

Themen und Aspekte dieser Epoche:

Die Konzertierte Aktion
Verabschiedung der Notstandsgesetze
Tarifkonflikt in der Metallindustrie 1971
Streik im Öffentlichen Dienst 1974: Kampf gegen die Lohnleitlinien der Regierung

Verfügbare Statistiken für diese Epoche:
Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit, Arbeitskämpfe, Löhne, Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften, Strukturdaten zur Erwerbsbevölkerung.

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