Novemberrevolution 1918: Demonstrationszug in Berlin, Soldaten verbrüdern sich mit den Arbeitern ©Bundesarchiv, Bild 183-18594-004
Ansicht einer Demonstration von Arbeitern und Soldaten 1918
1918-1923
Revolution 1918 und Anfänge der Weimarer Republik

4. Februar 1920

Das erste Betriebsrätegesetz

Die Freien Gewerkschaften stellen den radikalen Rätekonzepten auf ihrer Vorständekonferenz vom 25. April 1919 – nach langer Debatte – einen eigenen Plan für die Arbeiterräte entgegen, der wohl auch als Kompromissangebot gedacht ist.

In § 9 der „Richtlinien für die künftige Wirksamkeit der Gewerkschaften” heißt es dazu: Durch Urwahlen sollten in den Gemeinden nach Berufen gegliederte Arbeiterräte gebildet werden, denen sowohl sozial- und wirtschaftspolitische als auch kommunalpolitische Aufgaben der Gewerkschaftskartelle zu übertragen seien. Nach § 10 sollen die Arbeiterräte auf Bezirks- und dann Reichsebene zusammen mit Vertretungen der Arbeitgeber Wirtschaftskammern bilden, die Gesetzesvorhaben anregen und begutachten sowie bei der Sozialisierung mitzuwirken. Wo der Schwerpunkt der gewerkschaftlichen Vorstellungen liegt, zeigt die Tatsache, dass diese „Richtlinien” von sehr ausführlichen „Bestimmungen über die Aufgaben der Betriebsräte” ergänzt wurde.

Richtlinien für die künftige Wirksamkeit der Gewerkschaften und Bestimmungen über die Aufgaben der Betriebsräte -­ verabschiedet von der Vorständekonferenz der Freien Gewerkschaften am 25. April 1919 und angenommen vom Gründungskongreß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes im Juli 1919 (pdf)

Beide Programmerklärungen liegen dem ersten Kongress der Freien Gewerkschaften nach dem Krieg vor, der vom 30. Juni bis 5. Juli 1919 in Nürnberg stattfindet. Die innergewerkschaftliche Opposition bringt einen eigenen Räteentwurf ein, der von Richard Müller erläutert wird: Ohne Gewerkschaften auch nur zu erwähnen, wird das Modell einer regional und fachlich durchgegliederten Räteorganisation entwickelt, an deren Spitze Zentralrat und Reichswirtschaftsrat stehen sollen. Aber die von Theodor Leipart und Adolf Cohen gemäß den Beschlüssen der Vorständekonferenz vom 25. April vertretene Linie setzt sich mit 407 gegen 192 Stimmen durch. Damit ist der Weg zum Betriebsrätegesetz vorgezeichnet.

Parlament verabschiedet das Gesetz

Das nach heftigen Auseinandersetzungen gegen die Stimmen der USPD und der rechts-bürgerlichen Abgeordneten angenommene Betriebsrätegesetz vom 4. Februar 1920 sieht – in Fortschreibung der Arbeiterausschuss-Bestimmungen der Kaiserzeit – vor, in Betrieben ab fünf Beschäftigten eine Vertrauensperson und ab 20 Beschäftigten einen aus mehreren Personen bestehenden Betriebsrat zu wählen. § 1 bürdet diesem Betriebsrat jedoch eine Doppelaufgabe auf: Einerseits soll er die „Wahrnehmung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Arbeitnehmer (Arbeiter und Angestellten) dem Arbeitgeber gegenüber” leisten, andererseits der „Unterstützung des Arbeitgebers in der Erfüllung der Betriebszwecke” dienen. Zwar wird dem Betriebsrat das Recht auf die Einsicht in die Rechnungsbücher zugestanden, doch die in § 1 geforderte doppelte Loyalität hindert den Betriebsrat daran, sich zu einer eindeutigen Interessenvertretung der Arbeitnehmerseite zu entwickeln. Die Mitspracherechte werden im Vergleich zu früheren Regelungen vor allem auf sozialem Gebiet und bei Entlassungen deutlich ausgebaut.

Reaktionen

Während Christliche Gewerkschaften und Hirsch-Dunckersche Gewerkvereine das Gesetz begrüßen, erheben sich in den Freien Gewerkschaften, vor allem im DMV, kritische Stimmen gegen das Betriebsrätegesetz. Letzteres ist angesichts der parteipolitischen Präferenzen der Führung des Metallarbeiter-Verbandes nicht verwunderlich. Diese werden auch darin deutlich, dass mit Toni Sender ab 1920 eine Anhängerin der USPD, die 1922 – nach der Spaltung der USPD – zur SPD überwechselt, die Redaktion der „Betriebsräte-Zeitung” des DMV leitet.

Heftig kritisiert wird das Gesetz von weiten Kreisen der organisierten Arbeitgeber. Sie sehen darin eine Beeinträchtigung des freien Unternehmertums und befürchten – wegen der Beteiligung der Gewerkschaften – die Einmischung „betriebsfremder Elemente“. Obgleich in der Praxis in der Folgezeit zahlreiche Betriebsräte gebildet werden, halten vor allem die Unternehmer der Schwerindustrie an ihren Vorbehalten gegen die Mitsprachebestimmungen des Betriebsrätegesetzes fest. Sie verschärfen ihre Ablehnung gegen Ende der 1920er Jahre in der Debatte um die Wirtschaftsdemokratie-Forderung der Freien Gewerkschaften.

Seiten dieses Artikels:

1918 - 1923

Viele Zerreißproben: Gewerkschaften nach 1918
Gegen den Kapp-Putsch: Generalstreik für die Demokratie

Themen und Aspekte dieser Epoche 

Arbeitgeber erkennen Gewerkschaften an: das Novemberabkommen 
Heutige historische Bewertung: Zur Haltung von SPD und Gewerkschaften zur Revolution 1918
Das erste Betriebsrätegesetz war scharf umstritten

Verfügbare Statistiken für diese Epoche:
Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit, Arbeitskämpfe, Löhne, Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften, Strukturdaten zur Erwerbsbevölkerung.

Tabellen als einzelne pdf-Dokumente finden Sie auf dieser Seite:
Downloadmöglichkeit der Tabellen aller Epochen 

Den kompletten Tabellensatz mit allen Statistiken  laden Sie hier als Excel-Dokument,.

Quellen- und Literaturhinweise

4. Freiheitlich-nationaler Kongress des Gewerkschaftsrings deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände am 15. bis 17. November 1930 in Berlin, Berlin o. J.

Bieber, Hans-Joachim, Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914-1920, 2 Bde., Hamburg 1981

Der Generalstreik gegen den Monarchistenputsch, in: Korrespondenzblatt Nr. 12/13 vom 27.3.1920, S. 152 f.

Die Vereinbarung mit den Unternehmerverbänden, in: Correspondenzblatt Nr. 47 vom 23.11.1918, S. 425

Führer, Karl Christian, Jürgen Mittag, Axel Schildt u. Klaus Tenfelde (Hrsg.), Revolution und Arbeiterbewegung in Deutschland 1918-1920, Essen 2013

Hartwich, Hans‑Hermann, Arbeitsmarkt, Verbände und Staat 1918-1933. Die öffentliche Bindung unternehmerischer Funktionen in der Weimarer Republik, Berlin 1967

Heyde, Ludwig (Hrsg.), Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens, 2 Bde., Berlin 1931/32

Laubscher, Gerhard, Die Opposition im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) 1918-1923, Frankfurt 1979

Miller, Susanne, Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920, Düsseldorf 1978

Mühlhausen, Walter, Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2007

Oertzen, Peter von, Betriebsräte in der Novemberrevolution. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung über Ideengehalt und Struktur der betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der deutschen Revolution 1918/19, 2., erw. Aufl., Berlin-Bonn‑Bad Godesberg 1976

Petzina, Dietmar, Werner Abelshauser u. Anselm Faust., Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch III. Materialien zur Statistik des Deutschen Reiches 1914-1945, München 1978

Plener, Ulla (Hrsg.), Die Novemberrevolution 1918/19 in Deutschland. Für bürgerliche und sozialistische Demokratie. Allgemeine, regionale und biographische Aspekte, Berlin 2009

Potthoff, Heinrich, Gewerkschaften und Politik zwischen Revolution und Inflation, Düsseldorf 1979

Preller, Ludwig, Sozialpolitik in der Weimarer Republik, Stuttgart 1949; unveränd. Nachdr. Kronberg-Düsseldorf 1978

Protokoll der Verhandlungen des 10. Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands, abgehalten zu Nürnberg vom 30. Juni bis 5. Juli 1919, Berlin o. J.

Protokoll der Verhandlungen des 11. Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands (1. Bundestag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes), abgehalten zu Leipzig vom 19. bis 24. Juni 1922, Berlin 1922

Reichert, Jakob Wilhelm Reichert, Entstehung, Bedeutung und Ziel der „Arbeitsgemeinschaft”, Berlin 1919

Ruck, Michael, Die Freien Gewerkschaften im Ruhrkampf 1923, Köln 1986

Schneider, Michael, Die Christlichen Gewerkschaften 1894-1933, Bonn 1984

Schwarz, Salomon, Handbuch der deutschen Gewerkschaftskongresse (Kongresse des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes), Berlin 1930

Sitzung des Ausschusses des Gesamtverbandes, in: Zentralblatt Nr. 23 vom 4.11.1918, S. 190-192

Stegerwald, Adam, Die christlich-nationale Arbeiterschaft und die Lebensfragen des deutschen Volkes, in: Niederschrift der Verhandlungen des 10. Kongresses der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, abgehalten vom 20. bis 23. November 1920 in Essen, Köln 1920, S. 183 ff.

Ullrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

Vereinbarung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden, in: Zentralblatt Nr. 25 vom 2.12.1918, S. 202 f.

Winkler, Heinrich August, Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, 2. Aufl., Berlin u. Bonn 1985

Zum Aspekt "Gespaltenes Verhältnis zur Revolution"

Siehe dazu Detlef Lehnert, Die deutsche Revolution 1918/19, in: Thomas Meyer, Susanne Miller u. Joachim Rohlfes (Hrsg.), Lern- und Arbeitsbuch deutsche Arbeiterbewegung. Darstellung, Chroniken, Dokumente, Bd. 2, 2., um einen vierten Band ergänzte Aufl., Bonn 1988, S. 335-353, hier S. 341ff.; Eckhard Jesse u. Henning Köhler, Die deutsche Revolution 1918/19 im Wandel der historischen Forschung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 45, 1978, S. 3-23; Ulla Plener (Hrsg.), Die Novemberrevolution 1918/19 in Deutschland. Für bürgerliche und sozialistische Demokratie. Allgemeine, regionale und biographische Aspekte, Berlin 2009.

Susanne Miller, Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920, Düsseldorf 1978; Heinrich August Winkler, Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918-1924, Berlin u. Bonn 1984; Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2007. Zu den Gewerkschaften: Hans-Joachim Bieber, Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914-1920, 2 Bde., Hamburg 1981.

Eberhard Kolb, Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918/19, Düsseldorf 1962 (Neuausgabe 1978); Peter von Oertzen, Betriebsräte in der Novemberrevolution, Düsseldorf 1963 (Neuausgabe 1976); Ulrich Kluge, Soldatenräte und Revolution. Studien zur Militärpolitik in Deutschland 1918/19, Göttingen 1975. Reinhard Rürup, Demokratische Revolution und „dritter Weg“. Die deutsche Revolution von 1918/19 in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, in: Geschichte und Gesellschaft 9, 1983, S. 278-301.

Siehe Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Thesen anläßlich des 40. Jahrestages , in: Zum 40. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution 1918 (= Sonderheft der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 6, 1958), S. 1-28; Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.), Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 3: Von 1917 bis 1923, Berlin (DDR) 1966; J.S. Drabkin, Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland, Berlin (DDR) 1968; Lothar Berthold u. Helmut Neef, Militarismus und Opportunismus gegen die Novemberrevolution. Das Bündnis der rechten SPD-Führung mit der Obersten Heeresleitung November und Dezember 1918. Eine Dokumentatin, 2. Aufl., Berlin (DDR) 1978; zusammenfassend: Alexander Decker, Die Novemberrevolution in der Geschichtswissenschaft in der DDR, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Arbeiterbewegung 10, 1974, S. 269-299; Sebastian Haffner, Die deutsche Revolution 1918/1919, München 1979 (Neuauflage Berlin 2002, unter dem Titel: Der Verrat). Zur Politik der (Freien) Gewerkschaften: Werner Richter, Gewerkschaften, Monopolkapital und Staat im ersten Weltkrieg und in der Novemberrevolution (1914-1919), Berlin (Ost) 1959; Christfried Seifert, Die deutsche Gewerkschaftsbewegung in der Weimarer Republik, in: Frank Deppe, Georg Fülberth u. Jürgen Harrer (Hrsg.), Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Köln 1977, S. 146-210, hier bes. S. 146ff.

Siehe Klaus Gietinger, Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L., Berlin 1995; Klaus Gietinger u. Karl Heinz Roth, Die Massaker der deutschen Gegenrevolution, in: Sozial.Geschichte 3, 2007, S. 83-102; Klaus Gietinger, Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg 2008.

Siehe Volker Ullrich, Die Revolution von 1918/19, München 2009; Karl Christian Führer, Jürgen Mittag, Axel Schildt u. Klaus Tenfelde (Hrsg.), Revolution und Arbeiterbewegung in Deutschland 1918-1920, Essen 2013.

Susanne Miller, Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918-1920, Düsseldorf 1978; Heinrich August Winkler, Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918-1924, Berlin u. Bonn 1984; Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2007. Zu den Gewerkschaften: Hans-Joachim Bieber, Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914-1920, 2 Bde., Hamburg 1981.

Porträt von Toni Sender

Hören:
Toni Sender

Die Redaktionsleiterin der Betriebsräte-Zeitung des Deutschen Metallarbeiterverbandes ist eine Kritikerin des Betriebsrätegesetzes. Sie spricht zur Reichstagswahl 1928 gegen Miet- und Preissteigerungen (3,40 Min.) .
© Ton: AdsD, BIld: Gemeinfrei

Seite drucken Seite bei Facebook teilen Seite bei Twitter teilen