Fackelzug am Brandenburger Tor zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ©AdsD/B011827
1933-1945
NS-Diktatur und Zweiter Weltkrieg

Protestzüge und Streikaktionen

Debatte um den Generalstreik 1933

BIld zeigt eine Demonstration der Eiserne Front

Hören:

Marsch der Eisernen Front gegen die Nazis. Das Bild zeigt die Demonstration der Eisernen Front im Berliner Lustgarten am 16. Dezember 1931.
© Ton: AdsD, Bild: Keystone

Werben insbesondere die Vorstände von SPD und Gewerkschaften zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft für Besonnenheit und Disziplin, so bedeutet das doch keine Demonstrations-Abstinenz. Schon bevor sie zu zentralen Großkundgebungen aufrufen, kommt es in einer ganzen Reihe von Städten und kleineren Orten zu Protestzügen und Streikaktionen.

Oftmals rufen die örtlichen KPD-Führungen, vielfach auch die Ortsvorstände der SPD und der Freien Gewerkschaften dazu auf. Zwar gibt es in einzelnen Städten gemeinsame Aktionen von Sozialdemokraten und Kommunisten. Doch ein derartig abgestimmtes Vorgehen bleibt eine Ausnahme, die beiden stärksten Flügel der Arbeiterbewegung rufen meist zu getrennten Protestaktionen auf. Zu dem von den Kommunisten geforderten Generalstreik kommt es nicht.

Die Argumente der Gegner

Betrachten wir die Überlegungen derjenigen, die zu einer Politik des „kühlen Blutes“ raten: Maßgeblich sind die Argumente, die Rudolf Breitscheid, der Vorsitzende der SPD-Reichstagsfraktion, in der Sitzung des Parteiausschusses mit Vertretern der Reichstagsfraktion und des Bundesausschusses des ADGB am 31. Januar 1933 vorträgt: „Wenn Hitler sich zumindest auf dem Boden der Verfassung hält, und mag das hundertmal Heuchelei sein, wäre es falsch, wenn wir ihm den Anlaß geben, die Verfassung zu brechen [...].“

Außerdem sei ein befristeter Generalstreik aus zwei Gründen abzulehnen: Nach dem Ende des Streiks kehren die Arbeiter in die Betriebe zurück, „und Hitler wird sagen, das Schlimmste ist überstanden. Die größere Gefahr wäre die, wir und die Gewerkschaften geben die Parole aus: Zurück in die Betriebe, und die Kommunisten fallen uns in den Rücken und sagen, hier muß die Revolution weitergetrieben werden, daß ein Teil unserer Anhänger sich dadurch beeinflussen läßt und daß dann eine Bewegung entsteht, die von der Staatsmacht zusammen mit der Reichswehr im Blute der Arbeiter erstickt wird.“

Nicht viel anders ist die Position, die Theodor Leipart, der Vorsitzende des ADGB, am 31. Januar im Bundesausschuss auf folgende Formel bringt: „Organisation, nicht Demonstration, das ist die Parole der Stunde.“ Die „Gewerkschafts-Zeitung“ meint dazu: „Daß die deutsche Arbeiterschaft, soweit sie den Geist der deutschen Arbeiterbewegung in sich aufgenommen hat und gewerkschaftlich geschult ist, sich gegen diese sozialreaktionäre Regierung am liebsten in unmittelbarer Aktion zur Wehr setzen würde, ist menschlich begreiflich, aber sachlich falsch. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Gewerkschaften die Interessen der deutschen Arbeiterschaft schädigen würden, wenn sie diesen Impulsen nachgeben würden.“ Und Peter Graßmann, der stellvertretende Vorsitzende des ADGB, wendet sich wenig später gegen die „unentwegten Generalstreiktheoretiker“. Denn der „Generalstreik ist eine furchtbare Waffe nicht nur für den Gegner; ihn veranlassen und verantworten kann man nur, wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn es sich um Leben und Sterben der Arbeiterklasse handelt.“

Bei der Bewertung dieser Aussagen muss man berücksichtigen, dass die damals politisch Handelnden im Frühjahr 1933 noch nichts von Terrorherrschaft, Vernichtungskrieg und Holocaust wissen können. Gleichzeitig ist die Lage der Gewerkschaften zu Jahresbeginn 1933 schwierig: die schleichende Aushöhlung der sozialen und politischen Errungenschaften von Revolution und Republik, die Schwächung der Arbeiterorganisationen in den Jahren der wirtschaftlichen und politischen Krise, die Massenarbeitslosigkeit und die Resignation angesichts eines als übermächtig erscheinenden Gegners, dem die Massen zuströmen, trägt mit dazu bei, dass die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung nahezu kampflos kapitulieren.

Dazu kommt: Die Arbeiterbewegung ist keineswegs zu geschlossenem Handeln fähig. Zu tief sind die Gräben zwischen den Hauptrichtungen der Arbeiterbewegung. Und der Ausgang einer möglichen bewaffneten Auseinandersetzung ist angesichts der Kräfteverhältnisse ungewiss.

Kräfteverhältnisse

Gewiss, die Mitgliederzahlen der Arbeiterorganisationen sind eindrucksvoll: 1932 zählt die KPD 360.000 Mitglieder. Die SPD hat im Januar 1933 1 Million Mitglieder. Die Verbände des ADGB zählen Ende 1932 ca. 4 Millionen, der AfA-Bund etwa 450.000 Mitglieder. Im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sind 1932 2,4 Millionen Mitglieder verzeichnet.

Reichbanner und Eiserne Front erwecken überdies mit ihrem öffentlichen Auftreten den Eindruck militärischer Stärke. Zu berücksichtigen ist aber: Wegen der Doppelmitgliedschaften können die Mitgliederzahlen nicht einfach addiert werden. Fast die Hälfte aller Gewerkschaftsmitglieder und ein noch höherer Prozentsatz der Kommunisten ist arbeitslos, was die Durchschlagskraft eines etwaigen Generalstreiks von vornherein stark eingrenzt. Schließlich ist auch die Altersstruktur zu betrachten: So ist der Anteil relativ junger, körperlich einsatzfähiger und -bereiter Männer in der SA gewiss höher als in der Gewerkschafts- und SPD-Mitgliedschaft.

Diesen Mitgliedern stehen nicht nur 1,4 Millionen Mitglieder der NSDAP und ca. 430.000 SA-Männer gegenüber. Man musste auch davon, dass Polizei und Reichswehr eingreifen, sollte es wirklich zu einem Generalstreik und in seinem Gefolge zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen.

Dennoch werden in der KPD im Februar 1933 immer wieder Stimmen laut, die zu gewaltsamen Unruhen und dem Sturz der Regierung aufrufen – z.B. in Resolutionen des Roten Frontkämpferbundes (RFB). Außerdem beschließt das Politbüro der KPD in seiner Sitzung vom 15. Februar 1933, die kommunistischen Zellen sollen sich auf Massenaktionen vorbereiten, um die SA aus den Arbeitervierteln zu vertreiben.

Für die Sozialdemokratie steht jedoch fest, dass man es angesichts dieser Kräfteverhältnisse nicht auf eine bewaffnete Machtprobe ankommen lassen darf. Geradezu prophetisch muten die Worte des Reichsbanner-Führers Karl Höltermann auf der letzten Bundesgeneralversammlung des Reichsbanners vom 17./18. Februar 1933 an, die mit einem Massenaufmarsch im Berliner Lustgarten endet: „Regierungen kommen und gehen. [...] Nach Hitler kommen wir! Es werden wieder die deutschen Republikaner sein, die einen Scherbenhaufen aufräumen müssen. Auf diesen Tag richten wir uns ein!“ Für Höltermann ist der Kampf schon zu diesem Zeitpunkt verloren.

Fazit: Unter Berücksichtigung der realen Kräfteverhältnisse bleibt wohl kaum eine verantwortbare Alternative zur damaligen Politik: Demonstration der Gegnerschaft, aber keine konkrete Massenaktion. Dieser Devise folgten schließlich alle Organisationen der Arbeiterbewegung, die angesichts der raschen Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur resignative Grundtöne zeigt. Diese Anpassungsbereitschaft geht soweit, dass sie schließlich zum politischem Selbstmord führte.

Seiten dieses Artikels:

1933 - 1945

1933: Die Zerschlagung der Gewerkschaften
1933-1945: Widerstand im Reich und im Exil

Themen und Aspekte dieser Epoche:

Nationalsozialistische Organisationen für Arbeitnehmer
Soziale Lage der Arbeitnehmerschaft in der Vorkriegszeit
Debatte um den Generalstreik 1933

Verfügbare Statistiken für diese Epoche:
Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit, Arbeitskämpfe, Löhne, Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften, Strukturdaten zur Erwerbsbevölkerung.

Tabellen als einzelne pdf-Dokumente finden Sie auf dieser Seite:
Downloadmöglichkeit der Tabellen aller Epochen 

Den kompletten Tabellensatz mit allen Statistiken  laden Sie hier als Excel-Dokument.

Quellen- und Literaturhinweise

An die christliche Arbeiterschaft, in: Zentralblatt Nr. 4 vom 15.2.1933, S. 37

An die christliche Arbeiterschaft, in: Zentralblatt Nr. 9 vom 1.5.1933, S. 105

An die Mitglieder der Gewerkschaften, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 5 vom 4.2.1933, S. 65

Arenz-Morch, Angelika (Hrsg.), 80. Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften. Fachtagung am Samstag, 4. Mai 2013, Mainz 2014

Beier, Gerhard, Das Lehrstück vom 1. und 2. Mai 1933, Frankfurt-Köln 1975

Beier, Gerhard, Die illegale Reichsleitung der Gewerkschaften 1933-1945, Köln 1981

Borsdorf, Ulrich, Arbeiteropposition, Widerstand und Exil der deutschen Gewerkschaften, in: Erich Matthias u. Klaus Schönhoven (Hrsg.), Solidarität und Menschenwürde. Etappen der deutschen Gewerkschaftsgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bonn 1984, S. 291-306

Borsdorf, Ulrich, Hans O. Hemmer u. Martin Martiny (Hrsg.), Grundlagen der Einheitsgewerkschaft. Historische Dokumente und Materialien, Köln u. Frankfurt/M. 1977

Brand im Reichstag. Bundesausschußsitzung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 9 vom 4.3.1933, S. 129

Breit, Ernst (Hrsg.), Aufstieg des Nationalsozialismus. Untergang der Republik. Zerschlagung der Gewerkschaften. Dokumentation der historisch‑politischen Kon­ferenz des DGB im Mai 83 in Dortmund, Köln 1984

Breitscheid, Rudolf, Bereit sein ist alles! Rede des Genossen Breitscheid im Parteiausschuß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 31. Januar 1933, Berlin o.J. (1933)

Buschak, Willy, „Arbeit im kleinsten Zirkel“. Gewerkschaften im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Essen 2015

Coppi, Hans (Hrsg.), Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Berlin 2012

 DGB-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), Erschlagen – Hingerichtet – In den Tod getrieben. Gewerkschafter als Opfer des Nationalsozialismus, Bonn 1995

Die Gewerkschaften und der Regierungswechsel. 13. Bundesausschußsitzung des ADGB am 31.1.1933, in: Gewerkschafts‑Zeitung Nr. 5 vom 4.2.1933, S. 67 f.

Die Gewerkschaften und der Regierungswechsel. 13. Bundesausschußsitzung des ADGB am 31.1.1933, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 5 vom 4.2.1933, S. 67 f.

Erb, Dirk (Bearb.), Gleichgeschaltet. Der Nazi-Terror gegen Gewerkschaften und Berufsverbände 1930 bis 1933. Eine Dokumentation, Göttingen 2001

Erdmann, Lothar, Nation, Gewerkschaften und Sozialismus, in: Die Arbeit Nr. 3, März 1933, S. 129 - 161

Erklärung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 12 vom 25.3.1933, S. 177

Funke, Manfred, Gewerkschaften und Widerstand. Zwischen Ausharren und Orientierung auf die Zukunft, in: Widerstand und Exil 1933 - 1945, Bonn 1985, S. 60 - 75

Gottfurcht, Hans, Als Gewerkschafter im Widerstand, in: R. Löwenthal u. P. von zur Mühlen (Hrsg.), Widerstand, S. 51-55

Graßmann, Peter, Kampf dem Marxismus!? Rede, anläßlich des Führerappells der Eisernen Front am 13.2.1933, Berlin 1933

Leipart, Theodor, Leistungen der Gewerkschaften für Volk und Staat, in: Soziale Praxis Nr. 8 vom 23.2.1933, Sp. 225 - 231

Leithäuser, Joachim G., Wilhelm Leuschner. Ein Leben für die Republik, Köln 1962

Longerich, Peter, Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, München 1989

Löwenthal, Richard u. Patrik von zur Mühlen, Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945, Berlin-Bonn 1982

Mammach, Klaus, Widerstand 1933-1939. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration, Köln 1984

Mammach, Klaus, Widerstand 1939-1945. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration, Köln 1987

Mason, Tim, Die Bändigung der Arbeiterklasse im nationalsozialistischen Deutschland, in: Carola Sachse u. a., Angst, Belohnung, Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im Nationalsozialismus, Opladen 1982, S. 11 - 53

Miller, Susanne, Deutsche Arbeiterführer in der Emigration, in: Hanns Hubert Hofmann (Hrsg.), Führende Kräfte und Gruppen in der deutschen Arbeiterbewegung, Limburg/Lahn 1976, S. 165-170

Mooser, Josef, Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970. Klassenlagen, Kultur und Politik, Frankfurt/M. 1984

Morsey, Rudolf (Hrsg.), Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933. Quellen zur Geschichte und Interpretation des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich“, Düsseldorf 1992

Nebgen, Elfriede, Jakob Kaiser, Bd. 2: Der Widerstandskämpfer, hrsg. von Werner Conze, Erich Kosthorst u. Elfriede Nebgen, Stuttgart, Berlin, Köln u. Mainz 1967

Nelles, Dieter, Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Essen 2001

Neuwahl der Betriebsräte 1933, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 17 vom 29.4.1933, S. 270

Osterroth, Franz u. Dieter Schuster, Chronik der deutschen Sozialdemokratie, Bd. 2, 2., neubearb. u. erw. Aufl., Berlin u. Bonn-Bad Godesberg 1975

Peukert, Detlev J. K., Die Lage der Arbeiter und der gewerkschaftliche Widerstand im Dritten Reich, in: Ulrich Borsdorf unter Mitarbeit von Gabriele Weiden (Hrsg.), Geschichte der deutschen Gewerkschaften von den Anfängen bis 1945, Köln 1987, S. 447 – 498

Prinz, Michael, Vom neuen Mittelstand zum Volksgenossen. Die Entwicklung des sozialen Status der Angestellten von der Weimarer Republik bis zum Ende der NS­Zeit, München 1986

Röder, Werner, Die deutschen sozialistischen Exilgruppen in Großbritannien. Ein Beitrag zur Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, Hannover 1968

Scharrer, Manfred (Hrsg.), Kampflose Kapitulation. Arbeiterbewegung 1933, Reinbek 1984

Schmädeke, Jürgen u. Peter Steinbach (Hrsg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozia­lismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, München 1985

Schneider, Michael, In der Kriegsgesellschaft. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1939 bis 1945 (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 13), Bonn 2014

Schneider, Michael, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939 (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 12), Bonn 1999

Schumann, Hans‑Gerd, Nationalsozialismus und Gewerkschaftsbewegung. Die Ver­nichtung der deutschen Gewerkschaften und der Aufbau der deutschen Arbeitsfront, Hannover-Frankfurt/M. 1958

Skrzypczak, Henryk, Die Ausschaltung der Freien Gewerkschaften im Jahre 1933, in: E. Matthias u. K. Schönhoven (Hrsg.), Solidarität und Menschenwürde, S. 255 - 270, hier S. 261

Tagungen der Christlichen Gewerkschaften, in: Gewerkschafts-Zeitung Nr. 12 vom 25.3.1933, S. 178

Winkler, Heinrich August, Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933, Berlin u. Bonn 1987

 

 

 

Seite drucken Seite bei Facebook teilen Seite bei Twitter teilen